London Expedition

Fotos: Christoph/Alan
Text: Alan

Die Reise begann bereits interessant am Flughafen Wien in der Wartehalle. Eingekesselt zwischen einem ehemaligen Dozenten (Kreuzzüge im Mittelalter) und einem Thora rezitierendem Rabbiner saß ich und wartete auf den CheckIn. Meinen ehemaligen Professor wollte ich nicht erkennen – zu schlimm waren die Erinnerungen an den schrulligen Typen. Der Rabbiner machte sich überhaupt nichts daraus seine Gebetslitaneien laut zu wiederholen, so dass ich von seiner Stimme eingelullt wurde. Nach einem ruhigen Flug zeigte sich London von seiner klischeehaftesten Seite: Alles verregnet und grau in grau. Auch die Kofferträger die den Laderaum des Flugzeugs entluden bestätigten ein weiteres Bild das ich von England hatte. Vollkommen unachtsam und grob gingen sie mit dem Gepäck um und zeigten mir dass auf dieser Insel ein neoliberaler Wind ging. Aber was kann man schon in einem Land erwarten das dafür bekannt ist ein marodes Krankensystem zu haben in dem kein Zug pünktlich ist und manches Mal wegen schlecht gestellter Weichen einfach entgleist. So saß ich nun am Airport und wartet auf meinen Host Christoph, der einige Stunden später nach mir landen sollte. Die Wartezeit überbrückte ich damit, dass ich über Englands primitive Boulevard-Presse schmunzelte. Die Kronen-Zeitung bzw. BILD sind im Vergleich dazu geradezu „libertäre“ Gegenstücke.

back to the primitive
back to the primitive

Nach dem Zusammentreffen mit Christoph musste ich beim zahlen des Zugtransfers in Londons Zentrum schockiert feststellen das dieser Aufenthalt eindeutig zu viel Geld aus der Geldtasche ziehen würde. Es war alles einfach exorbitant teuer! Die kommende Woche verbrachte ich auf Sparflamme und teilte mir abwechselnd Radfahren (bei besserem Wetter) und klassisches Sightseeing (bei Regen) ein…

jede stadt hat ein ramsch-viertel
Camden beherbergt viele Ramsch-Stände für Touristen, viel Mode und Plattenläden
obey
andré the giant ist überall - obey!
bread and circuits!
times square auf britisch - Picadilly Circus

Paddington und Notting Hill
Die erste Rad-Expedition ging Spot-Empfehlungen nach. Wir fuhren aus dem vorstädtischen Ealing auf unseren Rädern los um Geld zu sparen und nicht mit die teure U-Bahn zu nutzen. Im Stadtteil Paddington angekommen hatten wir bereits locker 20 Kilometer in den Beinen und begannen nach einer ominösen Fire Station zu suchen die einen feinen Spot beherbergen sollte. Nach einiger Zeit ergebnislosem Suchen und mehrmaligen Nachfragen im mörderischen Verkehr fanden wir auch das unscheinbare Gebäude. Die Ziegelstein Bowls im Garten waren ein Wahnsinn aber leider zu dem Zeitpunkt bereits unfahrbar gemacht. Wie sich später herausstellte hatte eine Reisegruppe bereits 3 Wochen vorher nur mehr noch einen Teil davon fahren können. Leider zu spät gekommen, es wäre sicher ein Spaß gewesen diesen Spot zu fahren

fire station
Not very amused!

Nicht weit davon gab es aber bereits den nächsten Spot. Eine sehr eigenartige Mini ohne Vert und Coping, direkt aus den 80ern. Unter Bmxern vielleicht nicht so populär aber für Londons Skateszene ist diese Rampe unter einer Autobahnbrücke legendär. Der Spot hat aber mittlerweile bestimmt seine besten Zeiten hinter sich – ich schätze vor noch 15 Jahren war diese Mini göttlich für allerlei Boneless, Fastplant und Powerslide Tricks.

koks park
Überall Pisse und Tauben Poo-Poo
crap!simply crap!
Ein schlechter Trick von einem schlechten Fahrer

Müde vom ganzen herumfahren wollten wir uns bereits auf den langen Weg nachhause machen als wir an einem unscheinbaren Sozialbau vorbeifuhren. Aus einem Gefühl heraus fuhren wir durch die Siedlung durch und konnten unseren Augen nicht trauen. Wir fanden eine Brickstone-Landschaft vor die an einem Skatepark erinnerte. Was aber auf den ersten Blick so göttlich aussah entpuppte sich dann als anspruchsvolles Terrain. Dennoch unglaublich wie viele Line Möglichkeiten sich dort ergaben. Man könnte als Local dort wohl stundenlang fahren. Leider waren wir beide nach der langen Fahrerei nicht extrem motiviert. Im Nachhinein sehr schade aber das viele treten forderte einfach seine Opfer.

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playmobil in tha bronx
wallride
wee! serious moves i guess…

Auf dem Rückweg ging es über Notting Hill das seit dem gleichnamigen Hollywood Film viele reiche Schnösel angelockt hat. Vor Jahren war das Viertel an der Portobello Road noch ein kleines Artistenviertel. Auch das bekannte Independent-Label „Rough Trade“ fing da aus einem kleinen Verkaufslokal heraus feine Scheiben in die Welt zu exportieren. Sie sitzen noch immer in demselben kleinen Haus.

the rails, the rails!
Bobby´s wissen wie man Rails schmiedet

The Southbanks
Die weltweit bekannten Southbanks befinden sich direkt an der Südseite der Themse unter einem hässlichen Konzertsaal. Der Spot gilt als der Londoner Spot schlechthin und hat in den letzten 20 Jahren Generationen von britischen Bmxern und Skatern geprägt. Regengeschützt liegt er da im Zentrum Londons mit glatter und relativ ebener Fläche – Drei Attributen die in GB unüblich sind wohlgeschätzt werden. Anfangs ist die Benutzung des Spots wohl auf Widerstand seitens der Stadtverwaltung gestoßen da der Großteil der Banks, die zur touristischen Flaniermeile hin gezeigt haben, mit einem Zaun versperrt worden ist. (Dieser eignet sich aber als Subrail für den geneigten Thrillseeker) Auch eine perfekte Hip/Gap bzw. Step-Up wurden so unfahrbar gemacht. Das lag wohl vor allem an seiner exponierten Lage direkt neben einem Cafe und Restaurant. Herum fliegende Skateboards sind wohl schlecht fürs Business…

180 this!
180 this!
sweet dreams
…und die kleinen Tiere spielten dort tagelang…

Mittlerweile hat die Stadt wohl den Wert des Spots erkannt, so dass das Fahren dort keinem „Harrasment“ mehr unterworfen ist. Selbst Graffitis malen ist dort erlaubt worden. Auch Kunstprojekte werden dort gefördert – so zum Bespiel die Installation einer Gruppe von perfekten Curbs in vielen verschiedenen Formen, die den Stadtvätern als Symbiose aus Sitzgelegenheit und Skulptur schmackhaft gemacht worden ist. Auch so kümmert sich wer um den Spot da abgegrindete Kanten mit Eisenschienen ausgebessert werden. Auch einer der hohen Sperrzäune wurde wohl in einer Nacht&Nebel Aktion gekappt und dient jetzt als niedriges Subrail.

perfekte bank
Gibt es einen besseren Subbox-Spot?

Zwischen all den Fahrten zwischen den einzelnen Spots fanden wir immer wieder kleine Spots die zum verweilen einluden und viel Spielmöglichkeiten hergaben. Leider wird London so stark überwacht wie ein Containerdorf. Überall stehen Securities und „CCTV“-Kameras. Viele Spots ließen sich deshalb gar nicht fahren oder waren nur für ein, zwei Manöver zu haben.

they´re comin´ to getchya!
Zwei absolute Bust-Spots

Stockwell/Brixton Skatepark
Direkt an der Stockwell Road in Brixton gelegen gehört der Besuch dieses Parks für einen London-Besucher wohl ganz rauf auf die Liste, ähnlich wie der Besuch der Tower Bridge. Der ehemals rote Park, berühmt aus unzähligen Berichten, Videos und Publikationen ist in der Zwischenzeit einer Generalüberholung unterzogen worden. (stammt ja ebenso aus den 80ern) Ein neuer Belag wurde über den Alten, bereits brüchigen gezogen. Die Wände/Subboxen sind in Realität nicht so niedrig wie sie auf Fotos wirkten und auch die Pools sind um einiges tiefer als ich mir ausgemalt habe.

flowin´
Wee! Nice Indeed

Alles in allem ist Stockwell ein einzigartiger Park rund um ein einzigartiges Ambiente. (reger Verkehr, Reihenhäuser,Ghetto) Auf jeden Fall hat man als Local die besten Karten um die vielen Hubbels und Absprünge so zu kennen das man auch unglaublich flowen kann. Ein Mittagspause machender Mitarbeiter aus dem direkt ansässigen Brixton-Cycles Shop zeigte uns beeindruckend wie das auszusehen hat. In fahrbarer Nähe ist übrigens auch das Trinity Road Roundabout zu finden. Ein Spot der vor allem viel pushen und treten abverlangt.

kri wallride
…violence in movies and sex on TV… Christoph Schaufler - Wallride

London in diffusen Zahlen
3…Stunden beträgt das Zeitfenster für Rädertransport in Zügen zur RushHour. Selbst als wir dieses Zeitfenster um 5 Minuten verpassten wurde uns strikt der Eintritt verwährt. Wir mussten die nächsten 3 Stunden auf den Rädern sitzend in der Station abwarten.

1984…gleichnamiges Buch von George Orwell das in London verfilmt wurde. Die bedrückende Monumentalarchitektur der Battersea Power Station wurde eindrucksvoll im Film verwendet. Auch so erinnert London dank der Kamera-Kontrolle an einen faschistoiden Staat wie im Buch

8,50…Euro sind der ungefähre Preis für eine Tageskarte in der Metro. Und das für ständiges Verspäten und verdreckte Abteile. Interessant ist in Londons U-Bahn das „Newspaper-Sharing“. Gelesene Gazetten werden nicht weggeworfen, sie werden auf dem Sitz liegen gelassen. Es wird sogar als soziale Gefälligkeit erwartet!

3…Pfund kostet eine einfache Fahrt mit der U-Bahn. Wenn man das zum Beispiel auf eine Fahrt im Zentrum umlegt die nur eine Station dauert ist die Londoner U-Bahn teurer als ein Flug mit der Concorde.

5478…m³ ist die geschätzte Menge an Schadstoffen die man als Radfahrer in Londons Verkehr einatmet. Irgendwie waren wir die einzigen die ohne Smog-Maske oder ähnlichem Atemschutz gefahren sind.

58…Menschen starben im Vorjahr als sich 4 Terroristen in London selbst in die Luft sprengten. Als ich am Jahrestag in der U-Bahn saß war aber Business as usual. Nur in den Stationen sieht man keine Mülleimer mehr. Die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen sorgten dafür, dass in London kein einziger angesprühter Zug rumfährt.

60…Minuten Zeitverschiebung gibt aus auf den britischen Inseln – minus!

0…der Null-Meridian geht durch Greenwich und ist ein Zeuge der Arroganz die das Empire hatte als es nahezu ein Drittel der Welt besaß

0…Pfund Eintritt zu einem Roy Ayers Konzert in Finsbury Park. Soul, Merengue, Funk vom Altmeister. Ich hätte nie gedacht dass ich ihn jemals sehe. Saug dir „Coffy ist the Colour“ von ihm. Das ist ein Befehl!

128653…Mal wird am Tag in der U-Bahn „Mind the Gap“ ausgerufen

130…ist die knappe Menge der jährlichen Unfälle die dennoch passieren

23…Uhr/ Sperrstunde im Pub

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Songs die dir Londons Vibe wiederbringen
von The Jam – “Going Undergroung” / “In the City“ / “Carnaby Street”
von The Clash – “Guns Of Brixton” / “London Calling”

flooded? sind wir in berlin 1945?
Geflutet? Sind wir in Berlin 1945?

Fazit: London ist auf jeden Fall eine Reise mit dem Bmx wert. Die Archtiktur und einzigartige Skateparks versprechen viel Spaß aber man muß bedenken das gleichzeitig auch die Geldreserven schwinden. Die Kosten sind im Vergleich zu Resteuropa wirklich exorbitant. Besucher mit einer Affinität zum Street fahren sollten sich auf alle Fälle vorher um Spots kümmern und auf jeden Fall ne Guide auftreiben. Die Sachen leigen teilweise sehr weit voneinander entfernt und wer weiß wieviel wir gar nicht entdeckt haben?
Viel Spaß!
Vielen, Vielen Dank geht übirgens an Christoph der mich willkommen hieß und sich super um mich gekümmert hat.Danke!


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